Junge Frau nachdenklich, Impostor-Syndrom im Fernstudium

Impostor-Syndrom im Fernstudium: du bist nicht die Ausnahme

8 Min. Lesezeit Fernstudium

Es war der Moment, an dem meine Klausurnote im Portal stand. 1,7. Ich saß am Schreibtisch, starrte auf die Zahl und dachte: Zufall. Das war einfach eine milde Prüferin.

Kein Anflug von "ich habe gut gearbeitet". Nur der Reflex, den Erfolg zu erklären, damit er nicht zu meinem gehört. Das war mein erster Kontakt mit etwas, das Psychologinnen als Impostor-Phänomen beschreiben. Und im Fernstudium ist es besonders leise, weil niemand danebensitzt, der einem widersprechen könnte.

Was das Impostor-Syndrom im Fernstudium besonders macht

Der Begriff stammt aus einer Arbeit von Pauline Rose Clance und Suzanne Imes von 1978. Sie beobachteten Frauen mit exzellenten Leistungen, die überzeugt waren, ihre Erfolge nicht verdient zu haben. Später wurde deutlich: es betrifft nicht nur Frauen, nicht nur High-Performer, und nicht nur Berufstätige. Studierende gehören zu den am stärksten betroffenen Gruppen.

Charakteristisch sind drei Muster. Erfolg wird auf Glück, Zufall oder Milde von außen zurückgeführt. Fehler wirken größer als sie sind. Und die Angst, "entlarvt" zu werden, sitzt konstant im Hintergrund.

Im Fernstudium kommt eine Verstärkung dazu, die im Präsenzstudium fehlt: du siehst die anderen nicht arbeiten. Du siehst nur die Ergebnisse in Moodle-Foren, in LinkedIn-Posts, in "ich habe Modul XY mit 1,3 abgeschlossen"-Kommentaren. Der Vergleichsmaßstab besteht aus den Highlights der anderen, nicht aus deren Alltag.

Fünf typische Muster, an denen du es erkennst

Die Clance-Skala für das Impostor-Phänomen fragt Sätze ab, die als solche vermutlich vertraut klingen. Fünf davon tauchen im Fernstudium besonders oft auf.

Muster eins: die gute Note als Ausrutscher. Klausur bestanden, Note besser als erwartet. Der erste Gedanke: die Klausur war einfach, oder ich hatte Glück beim Thema. Nie: ich habe gut vorbereitet.

Muster zwei: die schlechte Note als Beweis. Note schlechter als erhofft. Der Gedanke: jetzt sieht man endlich, was ich wirklich kann. Nicht: ich hatte diesmal weniger Zeit, das Thema lag mir weniger, die Prüferin war strenger.

Muster drei: der Vergleich mit dem eigenen Skript. Du liest ein Skript, verstehst nicht sofort alles, und schließt daraus, dass du nicht klug genug bist. Andere, so die Annahme, verstehen das im ersten Durchgang. Das stimmt für keine einzige mir bekannte Person.

Muster vier: der stille Rückzug. Du postest nichts in Foren, du fragst keine Tutorin, du meldest dich nicht in Lerngruppen. Die Begründung nach außen: keine Zeit. Die Begründung nach innen: ich will keine dumme Frage stellen. Dabei wären es genau die Fragen, die auch andere hätten.

Muster fünf: der Abschluss als Erleichterung, nicht als Erfolg. Klausur bestanden, Modul geschafft, aber statt Freude ist da nur das Gefühl "geschafft, jetzt schnell weiter, bevor jemand merkt, dass ich es kaum verstanden habe". Der nächste Berg beginnt am selben Tag.

Warum das Fernstudium die Selbstzweifel verstärkt

Ich habe vor meinem Mediendesign-Studium an der IU mit Psychologie an der Euro FH begonnen, und beide Studiengänge waren extrem unterschiedlich. Aber ein Punkt lief in beiden gleich: der soziale Spiegel fehlt. Im Präsenzstudium siehst du deine Kommilitonen ratlos in der Vorlesung sitzen. Du hörst sie sagen "ich hab das mit dem Kapitel drei auch nicht kapiert". Du merkst: ich bin nicht die Einzige. Diese kleinen, banalen Rückmeldungen sind ein Korrekturmechanismus.

Im Fernstudium fehlt genau das. Drei Verstärker greifen ineinander.

Der Vergleich läuft asynchron. Du siehst im Forum nur die, die posten. Die posten meist, wenn etwas gut lief. Wer sich zurückzieht, weil er zweifelt, ist unsichtbar. Deine mentale Statistik zeigt "alle laufen glatt durch", weil du die anderen Zweifler nicht siehst.

Rückmeldung kommt spät. Eine Hausarbeit im Fernstudium kann zwei bis sechs Wochen bis zur Bewertung liegen. Eine Klausur landet oft nach vier bis acht Wochen im System. In diesen Wochen wächst der Selbstzweifel, weil die Realität fehlt.

Der eigene Fortschritt bleibt unsichtbar. Du sitzt Sonntagabend am Schreibtisch, du hast eine Lektion gelesen, und siehst am nächsten Sonntag: eine Lektion gelesen. Der Berg dahinter wirkt riesig, das eigene Stück wirkt klein. Wer keine Sichtbarkeit für den Fortschritt schafft, arbeitet gegen ein unsichtbares Konto.

Dazu kommt ein Effekt, der in der Kompetenzentwicklung gut belegt ist: wer sich intensiv in ein Thema einarbeitet, sieht mit der Zeit mehr Fachfragen als vorher. Das Wissen wächst, aber das Bewusstsein für offene Punkte wächst schneller. Du fühlst dich weniger kompetent, obwohl du kompetenter bist als zu Beginn.

Was hilft, wenn dich das Gefühl packt

Das Impostor-Syndrom verschwindet selten durch reines Denken. Was hilft, sind Strukturen, die den Selbstzweifel schwerer machen als die Realität.

Fortschritt sichtbar machen. Ein einfaches Vier-Spalten-Tracking (Datum, Modul, Tätigkeit, Minuten) über sechs Wochen zeigt schwarz auf weiß, was du geleistet hast. Der Zweifel sagt "ich habe nichts geschafft". Die Liste sagt "42 Stunden Modul A, 18 Einheiten, 3 Zusammenfassungen". Wer trackt, hat einen Gegenstand für das Gespräch mit sich selbst. Wie das ohne starre Wochenplanung funktioniert, steht im Beitrag Wenn dein Lernplan im Fernstudium nicht funktioniert.

Kompetenz-Momente notieren. Ein zwei-Zeilen-Notizfeld am Ende jeder Lernwoche. Was ist mir diese Woche gelungen, was ich vor sechs Wochen noch nicht konnte? Klingt schmalzig, wirkt aber, weil du damit deinem Kopf aktiv Beweise gegen die Impostor-Erzählung sammelst. Ein Beleg-Ordner statt einer Meinung.

Feedback von außen einholen, gezielt. Impostor-Zweifel bleiben vage, solange du sie nur im Kopf drehst. Sobald du sie in eine fachliche Frage übersetzt, bekommst du eine fachliche Antwort zurück, keine Meinung über dich. Statt "kann ich das überhaupt" also konkret: "Ich habe in Fallbeispiel X den Ansatz Y gewählt, wo siehst du Schwächen?" Die Antwort zerlegt den Zweifel, weil sie fachlich ist. Tutorinnen sind dafür da, Kommiliton:innen auch. Lerngruppen im Fernstudium sind kein Small-Talk, sondern genau diese Rückmeldungs-Infrastruktur.

Realistische Notenziele setzen. Wer immer eine 1,0 will, sammelt bei jeder 2,3 einen Beweis gegen sich. Wer einen Zielkorridor definiert (Bachelor-Ziel 2,3, Modul-Ziel 2,0 bis 2,7 je nach Anspruch), reduziert die Zahl der "gefühlten Misserfolge" erheblich. Das ist keine Bescheidenheit, das ist Statistik.

Auf den Erfolg reagieren wie auf ein Ergebnis. Note kommt, Note ist gut. Kurz stehen bleiben. Aufschreiben, was du dafür getan hast (nicht: was Glück war). Der Reflex "wegwischen und weiter" trainiert genau das Muster, das du loswerden willst. Fünf Minuten Pause pro guter Note kostet nichts.

Struktur statt Willenskraft. Selbstzweifel greifen am stärksten, wenn du unentschieden am Schreibtisch sitzt. Wenn Ort, Zeit und erster Satz feststehen, hat der Zweifel weniger Angriffsfläche. Details dazu stehen im Beitrag Selbstdisziplin im Fernstudium.

Erste-Hilfe-Fragen, wenn der Zweifel packt

Erstens: gibt es Belege für den Zweifel? Nicht Gefühle, sondern Ergebnisse, Rückmeldungen, konkrete Beispiele. Wenn nein, ist der Zweifel eine Behauptung, kein Fakt.

Zweitens: was würde ich einer Freundin sagen, die in der gleichen Situation ist? Meist deutlich milder, deutlich fairer, deutlich präziser als das, was ich mir selbst sage.

Drittens: was ist der nächste kleine Schritt, den ich unabhängig vom Gefühl tun kann? Zweifel überstehen ist nicht die Aufgabe. Weitermachen trotz Zweifel ist die Aufgabe.

Wo die Grenze zu behandlungsbedürftigen Erkrankungen liegt

Impostor-Phänomen ist keine anerkannte psychische Störung. Es ist ein Muster, das jeder haben kann, unabhängig von Krankheitswert. Aber es kann auf etwas anderes verweisen.

Wenn Selbstzweifel dauerhaft mit Antriebslosigkeit, Schlafproblemen oder anhaltend gedrückter Stimmung zusammenfallen, ist das ein Signal, das nicht mit einem Tracking-Blatt gelöst wird. Depression und Angststörungen brauchen Fachpersonen. Der Weg über die eigene Krankenkasse (Terminservicestelle), über die psychosoziale Beratung der eigenen Hochschule oder über die Studierendenwerke ist deutlich niederschwelliger als er wirkt.

Auch für Prüfungsangst gibt es Anlaufstellen. Wenn du sechs Wochen vor jeder Klausur körperlich reagierst (Übelkeit, Schlaflosigkeit, Panikattacken), ist das keine Impostor-Sache mehr, sondern eine eigene Kategorie. Dazu passt der Beitrag Klausur in 8 Wochen nur teilweise, weil er auf Vorbereitung setzt, nicht auf Angstregulation.

Häufige Fragen

Ist das Impostor-Syndrom eine offizielle Diagnose?
Nein. Es ist kein Störungsbild aus dem ICD-11, sondern ein psychologisches Konzept. Es ist ein Muster, das gemessen werden kann (Clance-Skala), aber keine Erkrankung im medizinischen Sinne. Das ist eine gute Nachricht, weil es bedeutet: du bist nicht krank. Und es ist eine Warnung, weil es bedeutet: du bekommst dafür keine Krankschreibung.

Wen betrifft es besonders?
In der Forschungsliteratur werden regelmäßig Studierende, Wissenschaftler:innen, Personen aus nicht-akademischen Elternhäusern, Frauen in männlich dominierten Fächern und High Performer genannt. Die Prävalenz variiert je nach Studie stark, weil auch die Messmethoden variieren. In der Praxis heißt das: es ist häufiger als du denkst.

Verschwindet es nach dem Abschluss?
Meistens nicht ohne Zutun. Bekannt ist, dass es sich in neuen Rollen (Beförderung, erste Position nach dem Studium, Berufswechsel) neu meldet. Was hilft, sind stabile Strukturen, in denen Kompetenz sichtbar bleibt: Dokumentation, regelmäßige Rückmeldung, Mentoring, ehrlicher Austausch unter Kolleg:innen. Das lässt sich schon im Studium einüben.

Sollte ich mit meinen Tutor:innen darüber sprechen?
Wenn es dich beim Lernen bremst, ja. Die meisten Fernhochschulen bieten psychosoziale Beratung an, oft anonym und kostenlos. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstführung.

Fazit

Impostor-Syndrom im Fernstudium ist selten das Zeichen, dass du das falsche Studium gewählt hast. Es ist häufiger das Zeichen, dass du in einer Situation studierst, die soziale Rückmeldung und sichtbaren Fortschritt strukturell erschwert. Beides lässt sich mit einfachen Werkzeugen verbessern, ohne Therapiestunde.

Was hilft: ein sichtbarer Rahmen, in dem Fortschritt, Erfolge und offene Punkte gleich viel Platz haben. Ein Ort, an dem Modulplan, Klausurübersicht und ECTS-Tracker so nebeneinander liegen, dass du am Sonntagabend nicht auf einen unsichtbaren Berg starrst, sondern auf konkrete Belege für den Weg, den du schon gegangen bist.

Der Rahmen, der Kompetenz sichtbar hält

Genau das ist die Idee hinter dem Fernuni Planer: kein Motivationsplakat, sondern eine Struktur, die zeigt, was schon geschafft ist, wenn der Kopf es gerade nicht sehen will. Modulplan, ECTS-Tracker, Klausurübersicht und Modul-Lernpläne in einem Buch, handgemacht, undatiert, passend zu FernUni Hagen, IU, Euro FH, AKAD und weiteren Fernhochschulen.

Zur Classic-Linie

Quellen

Zurück zum Blog

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.