Fernstudium mit psychischer oder chronischer Erkrankung: nicht totschweigen
Bevor du weiterliest.
Dieser Beitrag spricht offen über Depression und PTBS. Ich schreibe nichts zu Ursachen und nichts zu Medikamenten. Trotzdem berühre ich Themen, die triggern können. Entscheide selbst, ob und wie weit du weiterliest. Der persönliche Teil beginnt im nächsten Abschnitt. Der Abschnitt zum Nachteilsausgleich weiter unten ist reine Sachinformation und ist auch ohne den persönlichen Teil verständlich.
Wenn ich sage, ich hatte im Fernstudium Depressionen und eine schwere PTBS, ist die häufigste Reaktion: Schweigen. Manchmal ein kurzes "Oh". Dann Themenwechsel. Ich verstehe das. Menschen wissen oft nicht, wie sie reagieren sollen. Genau deshalb schreibe ich diesen Beitrag.
Wenn niemand darüber spricht, denkt jede und jeder Betroffene, allein zu sein. Und das stimmt nachweislich nicht. Fernstudium und psychische oder chronische Erkrankung sind kein Widerspruch. Sie sind ein Alltag, den viele leben und über den wenige reden.
Meine Geschichte, so weit ich sie erzählen möchte
Meine erste Diagnose war Depression. Das war in meiner Jugend, gestellt von einer Psychologin. Jahre später hat eine Psychiaterin zwei weitere Diagnosen ergänzt: schwere PTBS und hochfunktionale Depression mit schweren Episoden. Zur Herkunft der PTBS werde ich hier nichts sagen. Das ist eine bewusste Grenze, keine Auslassung aus Nachlässigkeit.
Später kamen körperliche Erkrankungen dazu. Auch dazu bleibe ich absichtlich unspezifisch. Das Muster war das, was in vielen Biografien vorkommt: eine Grundlast plus Schübe, die nicht auf den Kalender warten.
Studiert habe ich Psychologie an der Euro-FH und danach Mediendesign an der IU. Heute studiere ich nicht mehr. Ich habe im IU-Studium ungefähr 90 bis 100 ECTS erreicht, so weit ich mich erinnere. Anerkannt sind sie, sie liegen als Bausteine da, falls ich eines Tages weitermache.
Der Zusammenhang zwischen Stress und Symptomen
Das ist eine Beobachtung, keine Regel für alle. Meine depressiven Phasen wurden in Richtung Klausur häufig schwerer. Nicht immer, nicht bei jedem Modul, aber oft genug, dass ich es gemerkt habe. Wenn das Stresslevel stieg, wurde die Talsohle tiefer.
Was mir mit der Zeit geholfen hat: das zu erwarten. Nicht als Prophezeiung, sondern als Wetterbericht. Ich habe früh angefangen, nicht spät. Ich habe die letzten zwei Wochen vor der Klausur so geplant, dass keine Neuerarbeitung mehr drin war, nur Wiederholung. Und ich habe akzeptiert, dass ein bestimmter Wochenrhythmus in dieser Phase nicht funktionieren würde.
Warum das Fernstudium leichter war, nicht schwerer
Der reflexhafte Satz "Fernstudium ist einsamer, also schlechter für die Psyche" hat mit meiner Erfahrung wenig zu tun. Für mich war es umgekehrt. Fernstudium war leichter zu tragen als jedes Präsenzstudium es je gewesen wäre.
Drei Gründe. Erstens: Klausuren verschieben ging ohne nennenswerte Hürden. Zweitens: Ich musste mich niemandem gegenüber rechtfertigen, außer mir selbst. Kein Prüfungsraum, in dem ich sichtbar fehle. Keine Kommilitonin, die fragt, warum ich nicht da war. Drittens: Ein Tag, an dem nur "im Bett liegen" möglich war, hatte im Fernstudium Platz. Im Präsenzstudium hätte er entweder eine Krankmeldung ausgelöst oder ein Fehlen dokumentiert.
Das ist nicht schön geredet. Ein Fernstudium löst keine psychische Erkrankung. Es macht sie nur weniger administrativ. Und weniger administrativ heißt: weniger Zusatzenergie, die für Rechtfertigung draufgeht. Diese Energie hatte ich in diesen Zeiten schlicht nicht übrig.
Eine konkrete Situation: die Wohnungskrise 2023
Anfang 2023 hat unser Vermieter uns fristlos die Wohnung gekündigt. Rechtlich fragwürdig, wir sind dagegen vorgegangen, ohne Erfolg. Innerhalb einer sehr kurzen Frist mussten wir raus. Eine neue Wohnung fanden wir nicht rechtzeitig. Meine Tochter kam übergangsweise zu meiner Mutter ins Gästezimmer. Ich selbst habe mehrere Monate in einem Wohnwagen gewohnt, auf dem Parkplatz bei meiner Mutter.
An Studium war in dieser Zeit nicht zu denken. Ich habe an der IU Urlaubssemester genommen. Am Ende habe ich den Studienvertrag gekündigt. Es gab Momente, in denen ich hoffnungslos war. Nach dem Umzug in eine neue Wohnung habe ich erst einmal Zeit gebraucht, die Psyche wieder zu reparieren.
Ich erzähle das aus einem Grund. Dieselbe Situation in einem Präsenzstudium hätte bedeutet: Exmatrikulation nach ein oder zwei nicht wahrgenommenen Prüfungsperioden, ohne Wahlmöglichkeit. Im Fernstudium konnte ich pausieren, statt endgültig aufzuhören. Die Leistungen sind erhalten geblieben. Über diese Zeit habe ich in der Podcast-Folge "Krise im Studium meistern" auf fernstudi.net ausführlicher gesprochen, falls du magst.
Was mir geholfen hat
Ich liste hier auf, was mir persönlich getragen hat. Nicht als Rezept, sondern als Sammlung. Manches wird für dich passen, manches nicht.
- Selbstreflexion, weniger Härte gegen mich selbst. Der wichtigste Perspektivwechsel war der von "ich bin faul" zu "ich bin krank". Das ist kein Freispruch, es ist eine Diagnose. Und Diagnosen lassen sich behandeln, Charakter nicht.
- Positives schriftlich festhalten. In der Wohnungskrise hatte ich ein kleines Notizbuch, in das ich jeden Tag eine positive Kleinigkeit geschrieben habe. Manchmal war es "die Sonne kam durch das Wohnwagenfenster". Manchmal war es mehr. Wichtig war das Aufschreiben, nicht die Größe.
- Radikale Akzeptanz. Ein Satz, den ich mir während der Wohnungskrise oft gesagt habe: "Die Situation kann ich nicht ändern, aber wie ich darauf reagiere." Das klingt nach Kalenderspruch. In der Praxis hat es entlastet, weil es das Ringen mit dem Unabänderlichen beendet hat.
- Bewusst zulassen, dass es einem schlecht geht. "Es ist okay, wenn ich mich gerade schlecht fühle." Verdrängen kostet Energie, die man nicht hat. Zulassen kostet auch Energie, aber weniger.
- Ein Familien-Ampel-System. Meine Tochter und ich hatten drei Wäscheklammern, Rot, Gelb, Grün. Wer wie stand, hat seine Klammer gesetzt. Bei Rot haben wir gemeinsam überlegt, was zurück auf Grün helfen könnte. Das hat uns zwei Dinge gebracht: Sichtbarkeit, ohne reden zu müssen, und ein gemeinsames Vokabular.
- Spaziergänge als Batterie-Aufladen. Nicht als sportliche Leistung, nicht mit Ziel. Nur laufen, meistens zu zweit, manchmal alleine.
- Ein Buch, das getragen hat. Mark Manson, "Die subtile Kunst des Daraufscheißens". Nicht heilig, nicht therapeutisch, aber ehrlich und in dieser Zeit ein guter Begleiter.
- Therapie, mit ehrlichem Hinweis. Meine erste Therapie war in der Jugend. Auf einen Therapieplatz habe ich damals wie viele Betroffene lange gewartet. Das ist keine Ausnahme, das ist der Regelfall in Deutschland. Wer heute einen Platz sucht: rechne mit Monaten, nicht mit Wochen, und fang trotzdem an zu suchen. Der Weg über die Terminservicestelle steht unten im Hilfe-Block.
Was ich mir gewünscht hätte zu wissen: der Nachteilsausgleich
Nachteilsausgleich ist ein rechtlich verankertes Instrument. Wer eine länger andauernde psychische oder chronische Erkrankung hat, kann bei der eigenen Hochschule Anpassungen für Studien- und Prüfungsleistungen beantragen. Das kann verlängerte Bearbeitungszeit, Pausen, alternative Prüfungsformen oder eine andere Prüfungsumgebung sein.
Ich habe von dieser Möglichkeit während meines Studiums nicht gewusst. Rückblickend hätte sie mir in bestimmten Phasen geholfen. Damit du das nicht auch übersiehst, hier die aktuellen öffentlichen Seiten der fünf großen Fernhochschulen. Alle Links habe ich am 13.07.2026 geprüft.
- FernUni Hagen. Zentrale Seite zum Nachteilsausgleich mit Antragsformular und Beratungsstelle: fernuni-hagen.de/barrierefrei/studieren/nachteilsausgleich. Wichtig: der Antrag muss jedes Semester neu gestellt werden, auch bei chronischen Erkrankungen. Frist in der Regel drei Monate vor der Prüfung. Bearbeitungszeit bis zu acht Wochen.
- IU Internationale Hochschule. Sammelseite zum Studium mit Beeinträchtigung mit Verweisen auf Antrag und Prüfungsausschuss: iu.de/magazin/studieren-mit-beeintraechtigung. Das Antragsformular ist zweiseitig, der medizinische Teil wird von der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt ausgefüllt. Über die Anträge entscheidet der Prüfungsausschuss monatlich, die Rückmeldung folgt innerhalb von 14 Tagen.
- Euro-FH. Die Regelung steht in der allgemeinen Studien- und Prüfungsordnung, Paragraph 20 Nachteilsausgleich: euro-fh.de, StuPro Mantel Bachelor (PDF). Eine Beeinträchtigung gilt als dauerhaft, wenn sie voraussichtlich mindestens sechs Monate anhält. Für den Nachweis wird ein aussagekräftiges ärztliches Attest verlangt. Bearbeitungszeitverlängerung um bis zu 50 Prozent möglich.
- AKAD University. AKAD gewährt Nachteilsausgleich bei chronisch-somatischen oder psychischen Erkrankungen sowie bei Lernstörungen. Eine dedizierte, öffentlich verlinkte Detailseite habe ich am 13.07.2026 nicht gefunden. Kontakt am besten direkt über die Studienbetreuung. Rahmen und Beispiele findest du beim Deutschen Studierendenwerk, die Grundregeln gelten hochschulübergreifend.
- Wilhelm Büchner Hochschule. Die WBH gewährt Nachteilsausgleich auf Antrag und regelt ihn individuell. Eine zentrale öffentliche Seite mit Antragsformular gibt es nach meiner Recherche am 13.07.2026 nicht. Kontakt läuft über die Studienbetreuung. Übersicht bei barrierefrei-studieren.de und dem allgemeinen DSW-Leitfaden.
Zwei Dinge sind an allen fünf Hochschulen gleich. Erstens: du musst nicht deine Diagnose offenlegen, du musst die Auswirkung auf die Prüfungssituation belegen. Zweitens: der Nachteilsausgleich wird nicht im Zeugnis vermerkt. Er verändert die Bedingungen, nicht die Bewertung.
Für Kommilitoninnen, Kommilitonen und Lehrende: was du tun kannst
Ein kurzer Abschnitt für alle, die selbst nicht betroffen sind und trotzdem etwas beitragen wollen. Nichts davon ist neu. Es hilft trotzdem, es einmal aufgeschrieben zu haben.
- Zuhören ohne Ratschläge. "Hast du schon mal Sport probiert?" ist gut gemeint und trifft daneben. "Danke, dass du mir das sagst" reicht meistens.
- Nicht nach dem Warum fragen. Ursachen sind privat. Wenn jemand sie erzählen will, wird er oder sie das von selbst tun.
- Verschobene Klausuren und Pausen nicht bewerten. Weder positiv im Sinne von "so tapfer" noch negativ im Sinne von "aber du schaffst das doch". Beides drückt.
- Wissen, wo man weiterreichen kann. Die Nummern und Links im Hilfe-Block unten sind auch für Kommilitoninnen und Kommilitonen brauchbar. Wenn jemand nicht weiß, wohin, ist "ich habe hier eine Nummer, ruf mal an" konkreter als jeder Rat.
Zum Schluss
Das Fernstudium hat mich in dieser Zeit nicht besiegt, es hat mir Raum gegeben. Kein triumphaler Raum, kein Vorher-Nachher-Bild. Nur die Möglichkeit, weiterzumachen, ohne mich täglich rechtfertigen zu müssen. Das ist keine kleine Sache.
Wenn du selbst gerade in einer harten Phase steckst: es ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche. Und das Fernstudium kann trotzdem funktionieren, auf einer anderen Zeitachse als in Broschüren steht. Deine Zeitachse.
Hilfe-Block
Alle folgenden Angebote sind kostenfrei und in Deutschland erreichbar. Nummern und Links geprüft am 13.07.2026.
- TelefonSeelsorge, rund um die Uhr, anonym, kostenfrei: 0800 111 0111 oder 0800 111 0222 oder 116 123. Auch per Mail und Chat: telefonseelsorge.de.
- Terminservicestelle für Termine bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten: 116117 (bundesweit, ohne Vorwahl) oder online 116117.de. Vermittelt psychotherapeutische Sprechstunden, keine dauerhaften Therapieplätze.
- Psychologische Beratung der Studierendenwerke. 45 Studierendenwerke in Deutschland bieten kostenlose psychologische Beratung, viele auch per Video oder Telefon, was für Fernstudierende praktikabel ist. Übersicht und Suche nach dem lokalen Studierendenwerk: studierendenwerke.de.
- Bei akuter Suizidgedanken oder akuter Gefahr: 112 (Notruf) oder direkt in die nächste psychiatrische Klinik. Beides ist der richtige Weg, kein Umweg.
Quellen: Nachteilsausgleich-Rahmen: Deutsches Studierendenwerk, Antragsverfahren und Nachweise (Link). Fernuni-spezifische Seiten wie im Nachteilsausgleich-Abschnitt verlinkt. Podcast-Referenz: fernstudi.net, Folge 44 "Krise im Studium meistern" (Link).